"Black Mirror": "Pille danach" gleich Abtreibung? Warum Ärzte Netflix scharf kritisieren

Science Fiction, gewürzt mit einer ordentlichen Portion Realität: Das ist das Erfolgsrezept der Netflix-Serie “Black Mirror”. In den einzelnen Episoden zeichnet Charlie Brooker erschreckende Visionen unserer Zukunft. Die Science Fiction-Serie kratzt dabei so nah an denkbaren Zukunftsvisionen, dass sie Fans weltweit in den Bann zieht. Ende Dezember ist die vierte Staffel der Erfolgsserie an den Start gegangen. Die macht derzeit Schlagzeilen – darunter auch negative. Grund hierfür ist ein inhaltlicher Patzer in der zweiten Episode “Arkangel”.

Die beginnt “Black Mirror”-typisch mit einer Zukunftsvision, die im Laufe der Folge ein fatales Ende nimmt. Eine Mutter lässt ihrer drei Monate alten Tochter einen Chip implantieren, über den sie ihre Tochter orten kann. Dafür nutzt sie ein Tablet. Über das Gerät kann sie weitere Funktionen des Chips ansteuern: Sie überwacht verschiedene Körperfunktionen der Tochter, zum Beispiel deren Stresslevel. Außerdem kann sie sich dem Sichtfeld ihrer Tochter zuschalten und beobachten, was sie gerade sieht. Bilder von Gewalt, Blut oder kläffenden Hunden kann sie mithilfe eines Filters pixeln. So versucht sie, das Stresslevel ihres Kindes auf ein Minimum zu drücken. Das scheinbar perfekte Gadget für Helikopter-Eltern.

Der Chip wird erst zum Problem, als das Kind zur Schule geht. Die Tochter hinkt ihren Mitschülern in der Entwicklung hinterher. Aus Neugierde beginnt sie, sich selbst zu verletzen. Die Mutter beschließt, den “Arkangel” nicht mehr zu nutzen und verstaut das Tablet in einer Kiste auf dem Dachboden. Der Chip jedoch bleibt implantiert.

Schwanger nach erstem Sex

Einige Jahre später hat sich das junge Mädchen, Sara, von den Auswirkungen des “Arkangels” erholt. Die Teenagerin – inzwischen 15 Jahre alt – trifft sich mit Freunden an einem See, kifft und hat schließlich Sex mit einem jungen Mann aus der Schule. Ihre Mutter macht sich große Sorgen, weil sie ihre Tochter nicht erreichen kann und davon ausgeht, sie sei bei Freunden auf einem Filmabend. Schließlich schaltet sie das Tablet ein und erwischt ihre Tochter in flagranti beim Sex.

Statt ihre Tochter zur Rede zu stellen, kauft sie in einer Apotheke die “Pille danach” und mischt sie heimlich in den Frühstücks-Smoothie ihrer Tochter. Sara muss sich daraufhin in der Schule übergeben und lässt sich von einer Ärztin untersuchen. Die macht einige Tests und stellt schließlich fest, dass die “Pille danach” die Ursache für die Beschwerden der jungen Frau war. Außerdem habe sie durch die Pille ihr ungeborenes Kind verloren. “Du bist nicht mehr schwanger”, sagt die Ärztin und glaubt, Sara habe die Pille bewusst genommen, um die Schwangerschaft zu beenden.

“Pille danach” ist kein Mittel zum Schwangerschaftsabbruch

Und wie verhütest du?Die Szene ist nicht nur ein Wendepunkt in der Episode. Sara weiß nun, dass ihre Mutter sie hintergangen haben muss. Sondern sie vermittelt auch ein falsches Bild davon, wie Notfallverhütung funktioniert. Die Pille danach ist nämlich kein Mittel zum Schwangerschaftsabbruch. Netflix patzt also bei einem Thema, über das ohnehin viele Mythen und Halbwahrheiten kursieren. Für die Art der Darstellung musste Netflix in den USA bereits viel Kritik von Medizinern einstecken.

“Richtig ist, dass die Notfallkontrazeption (Kontrazeption=Empfängnisverhütung;Anm. d. Red.) Erbrechen auslösen kann”, erklärt die Pressereferentin des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF) auf Anfrage des stern. “Aber sie kann auf gar keinen Fall eine Schwangerschaft abbrechen – auch nicht bei Überdosierung.”

In Deutschland gibt es zwei Präparate, die als “Pille danach” zugelassen sind. Sie enthalten die Arzneimittel Levonorgestrel und Ulipristalacetat. Beide Präparate verhindern oder verzögern den Eisprung. Frühzeitig eingenommen, verhindern sie nach einer Verhütungspanne eine Schwangerschaft, bevor sie entsteht. Kam es bereits zu einem Eisprung und wurde die Eizelle vielleicht sogar schon befruchtet, können sie jedoch nicht wirken. Sie lösen keine Abbruchblutung aus, die eine bereits bestehende Schwangerschaft beendet. Beide Präparate sind nach einer Beratung in der Apotheke erhältlich.

Ein weiterer Unterschied laut Expertin: Mittel zum Schwangerschaftsabbruch gibt es nicht einfach in der Apotheke zu kaufen. “Für einen medikamentösen Abbruch sind in Deutschland die Formalitäten ebenso aufwändig wie für den operativen Abbruch. Das Arzneimittel bekommt die Frau dann – nach der Beratung in einer Beratungsstelle – direkt und persönlich in der Arztpraxis und muss es dort einnehmen, oder sie nimmt es in seltenen Fällen auf eigenen Wunsch zu Hause ein. In der Apotheke bekommt sie das nicht, auch nicht mit Rezept.”

Für die Darstellung in “Black Mirror” fällt die BVF-Expertin ein vernichtendes Urteil: “totaler Quark”.

Unnützes Wissen Verhütung 15.30